Eröffnungsrede von Eva Gerhards
(Direktorin Natur- und Völkerkundemuseum Freiburg)
zur Ausstellung 17.01.2003 (Dreieck Galerie)

Es mag verwundern, dass ich die Einführung in die Ausstellung eines Künstlers aus der
Freiburger Region übernommen habe. Ich bin keine Spezialistin für zeitgenössische Kunst
sondern Ethnologin – ich leite das Adelhausermuseum Natur- und Völkerkunde. Ich maße
mir auch nicht an, eine kompetente kunstkritische Deutung der hier gezeigten Bilder geben
zu können. Doch ich freue mich, dass mich Clemens Vomstein für die Vernissage hier in der
Dreieck-Galerie bei Frau Trenkle eingeladen hat, in diesen Räumen, die ich bislang stets in
ganz anderer Absicht betreten habe.

Wie einige von Ihnen wissen, wohne ich seit ein paar Jahren im Haus direkt neben Clemens
und seiner Frau Astrid in Sölden. Doch diese gemeinsame Grundstücksgrenze allein wäre
noch kein ausreichender Grund für eine Eröffnungsrede. In unseren spontanen Plaudereien
über den Gartenzaun haben wir entdeckt, dass uns die Faszination ferner Länder verbindet.
Auf welche Weise wir sie verarbeiten, ist jedoch sehr unterschiedlich:

Ich sammle und hüte im Museum Artefakte von außereuropäischen Kulturen und setze mich
mit ihnen wissenschaftlich - in Ausstellungen auch gestalterisch - auseinander. Clemens
sammelt auf seinen Reisen Eindrücke, die er auch in Fotos festhält. Seine Erin-
nerungen verarbeitet er zusammen mit anderen Erlebnis-Splittern in seinen Bildern.

Die hier ausgestellten Werke entstanden überwiegend in den Jahren 2000 bis 2002. Drei
Arbeiten in Öl auf Büttenpapier in dem kleinen vorderen Raum sind schon ca. 10 Jahre alt
und unterscheiden sich stilistisch deutlich von den jüngeren Bildern. Sie kreisen um das
Thema Schrott und wurden angeregt von der Renovierung des Orientexpress, die damals
in Freiburger Bahnwerkstätten erfolgte. Diese Werke sind sehr viel konkreter, konzentrieren
sich auf ein Motiv und lassen m.E. auch dem Betrachter nicht den breiten Spielraum zu
eigenen Assoziationen wie die neueren Bilder.

Letztere sind vielschichtiger, was auch ganz wörtlich zu nehmen ist: Denn sie sind aus
mehreren, einander überlagernden Schichten aufgebaut, wobei der Künstler nicht nur
Pinsel,Airbrush und Stifte benutzt, sondern auch seine Hände und Füße. Die Bilder ent-
stehen in einem langen Prozess, werden immer wieder übermalt, überschrieben,
verwischt, mit verschiedenen Materialien überklebt, seien dies Erinnerungsstücke
von den Reisen – wie Eintritts- und Fahrkarten - oder Abklatsche ornamentierter alter
Lederstühle aus Familienbesitz. Die Collageelemente werden verschiedentlich in
feuchtem Zustand wieder ausgerissen. So wird eine spezielle Struktur erzielt, die der
Künstler dann malerisch weiterbearbeitet, verdichtet. "Gemalte Collagen" ist wohl
der Begriff, der seine Technik am besten trifft.

Um einen Zusammenhalt der verschiedensten Bildelemente herzustellen, hat Clemens
Vomstein zeitweise ein besonderes Gestaltungsprinzip gewählt: Mit dominant ins Bild
gesetzten weißen Balken - Zeichen für Klebepflaster – kittet er die Komposition optisch
zusammen. In den neueren Bildern wurden sie weiterentwickelt zu einer Art Kartusche.
Neben der Absicht, disparate Erinnerungsfetzen zu verbinden, bevor sie verfliegen, spielt
bei diesen "Pflastern" vielleicht die Auseinandersetzung mit dem medizinischen Beruf
seiner Frau eine Rolle. Auch das in unterschiedlicher Form immer wieder auftretende
Motiv der Röntgenaufnahmen dürfte in diesen Assoziationsstrang einzuordnen sein.

Wenn er die leere Leinwand vor sich hat, setzt sich Clemens Vomstein zunächst
kein bestimmtes Ziel, er hat kein formuliertes Programm vor seinem "geistigen
Auge".
Vielmehr provoziert er sich selbst, indem er ein Objekt, ein Thema, das ihn gerade
beschäftigt, auf die Leinwand skizziert. Im Arbeitsprozess entwickelt er den ursprüng-
lichen Gegenstand weiter – oder macht ganz etwas anderes daraus. So korrespondieren
die Schichtungen der Farben, Materialien und Motive beim Entstehungsprozess eines
Bildes nicht selten mit den Überlagerungen der Erinnerungen.

Die Bildthemen kreisen um Gesehenes und Erlebtes seiner Fernreisen, wie die
reichen skulpturalen Schätze indischer Tempelanlagen oder um Ausgrabungsstätten
des vorspanischen Peru.
Wir finden Erinnerungsfetzen aus Spanien, einem Land, dem
er als Flamenco-Sänger verbunden ist und das er immer wieder zur musikalischen
Fortbildung besucht. Dann entdecken wir Hinweise auf das Alte Ägypten und auf uralte
steinzeitliche Fresken irgendwo auf der Welt. Den Künstler reizen auch die banalen
Details des modernen Alltags: So finden sich Versatzstücke indischer Zigaretten-
werbung oder die bunte Hinteransicht eines Trucks, Verschlusskappen und Eti-
ketten spanischen Rotweins oder einer Espresso-Marke.


Slogans gegnerischer Parteien im peruanischen Wahlkampf oder Labels von Kon-
sumartikeln werden hemmungslos neben- und übereinandergesetzt
und Zitaten aus
hinduistischen und altperuanischen Tempelfriesen oder Wandmalereien entgegengestellt.
Wenn man weiß, dass Clemens Vomstein in der Werbebranche arbeitet, - nach seiner
Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Basel und der Freiburger Graphikschule -
dann wundert man sich nicht, dass solche Motive Einzug in seine Bilder gehalten haben.

Weitere Bildthemen sind mit seinen Freunde und seiner Familie verbunden. So bilden
Motive wie die große Uhr oder die Ornamente der Stuhllehnen Erbstücke, "Familienreliquien"
ab und verweisen auf die Auseinandersetzung mit dem Tod eines geliebten Onkels.

Seltener geht es um zeitgeschichtliche Themen wie in dem Werk "Die Vision des
indischen Kofferscanners"
um die Zerstörung der Twin Towers in New York oder in
"?La, la Revolución?" um den peruanischen Präsidentschaftswahlkampf der Jahres
2000,
den Clemens zusammen mit seiner Frau mit erlebte, als die beiden Freunde in
Peru besuchten.

Es steckt also immer sehr viel persönliches Erleben in den Werken, auch wenn dies dem
Betrachter ohne nähere Erläuterung meist nicht offensichtlich wird. Man kann aber die
einzelnen Bilder auch ohne dieses Vorwissen genießen. Denn die Interpretationen, die
der Künstler selbst zu seinen Bildern und den einzelnen Motiven gibt, spiegeln auch
seiner Ansicht nach nur eine von zahlreichen Möglichkeiten wider. Er gesteht dem
Betrachter zu, selbst zu assoziieren und zu phantasieren und genauso unbekümmert
mit der Kunst- und Kulturgeschichte umzugehen, wie er selbst es macht.

Immer wieder entdeckt man auch kurze handschriftliche Notierungen, die wie
kalligraphische Elemente anmuten.
Für den Künstler bedeuten sie Markierungspunkte
der Erinnerung, geben z.B. Fetzen aus Gesprächen mit Freunden wieder oder Hinweise
auf die Entstehungszeit und –umstände der Bilder. Rein kalligraphischen Charakter haben
dagegen Buchstaben und kurze Texte in der Schrift verschiedener Länder Asiens. Sie
wurden abgemalt von Zeitschriften oder Werbetafeln, ohne den Inhalt zu verstehen,
fasziniert nur von der Form.

Clemens Vomstein kombiniert frech Zitate aus verschiedensten Kulturen mit Objekten
und Erinnerungen aus ganz privaten Zusammenhängen, er setzt die inhaltlich disparatesten
Dinge nebeneinander. So konstruiert er sich seine eigene Archäologie, seine eigene Kunst-
und Kulturgeschichte und verwebt diese mit der persönlichen Geschichte. Wie ein
Ausgräber oder Restaurator legt er die Dinge zunächst frei, um sie gleich wieder zu
verschleiern, zu verwischen, zu chiffrieren oder auch zu ironisieren.

Denn es gibt auch Schelmenhaftes, ein Hauch von Dada weht durch seine Arbeiten.

Etwa, wenn in der Abbildung alter Friese neben den Göttergestalten beim Näherhinsehen
Komikmännchen auftauchen. Oder wenn in Anspielung auf den peruanischen Wahlkampf der
Name des Präsidentschaftskandidaten Abel Salinas zu Abel Sardinas wird, platziert neben
ein Fischgerippe in einer Sardinenbüchse. Oft ist der Schalk nur Eingeweihten mit Hilfe der
handschriftlichen Anmerkungen durchschaubar. Deutlich wird er jedoch in vielen Bildtiteln
und vor allem auch in den Objekten, zusammengefügt aus Fundstücken des Alltags – auf die
ich jedoch nicht näher eingehen möchte. Während viele Bilder, die mit den kunst- und kultur-
historischen Schätzen Indiens und Perus zu tun haben auf den ersten Blick oft weihevoll
wirken, wird dieser erste Eindruck durch die Wortspielerei der Titel und der handschriftlichen
Notierungen schnell ins Ironische gezogen. Clemens Vomstein persifliert immer wieder
die Archivierung und quasi Heiligsprechung von Kulturgut in den Museen.
Deutlich wird
das z.B. in dem Bild mit dem Titel "Vermutlich Moche-Kultur (Peru). Es könnte sich hierbei
um das Kuscheltuch der Prinzessin Cocolala aus Chan Chan handeln". Für einen konservativen
Museumsmenschen geradezu unverschämt klingen Titel wie "Werk eines unbekannten
Espressonisten der Mako-Schule" oder der Titel des Einladungsmotivs "Altägyndischer Jagd-
und Orgienfries aus Halalimalipuram".

Manchmal denke ich, als ernsthafte Museumsethnologin hätte ich eigentlich das Ansinnen
von Clemens, mich mit seinen Bildern auseinander zu setzen, weit von mir weisen sol-
len.Denn dieser Künstler geht absolut respektlos mit fremden Kulturen um. Da er jedoch mit
der eigenen genauso verfährt und seine Ironie nie verletzend wirkt, sondern immer
spielerisch leicht bleibt,
macht es mir Spaß, mich mit den Bildern zu beschäftigen – und
ich hoffe, Ihnen geht es genauso.

Eva Gerhards